Griffkraft als Vitalzeichen

Dynamometer in der Hand, 60+

5 Min. Lesezeit · Medizinisch geprüft am 5. August 2026 · Dr. Chiara Bonetti

Die Griffkraft hängt eng mit der Gesundheit im Alter zusammen. Was die Messung aussagt und was nicht.

Dynamometer in der Hand, 60+

Das Wichtigste in Kürze

  1. Eine geringe Griffkraft ist in großen Studien mit höherer Sterblichkeit und mehr Einschränkungen im Alter verbunden. Sie ist ein Marker, keine Ursache.
  2. Aussagekräftig ist nur eine standardisierte Messung: im Sitzen, mit mehreren Versuchen pro Hand, verglichen mit Werten gleichen Alters und Geschlechts.
  3. Wer den Wert verbessern will, trainiert nicht nur die Hand, sondern den ganzen Körper, an mindestens zwei Tagen pro Woche.

Ein einfacher Test mit Aussagekraft

Blutdruck, Puls, Temperatur: Diese Werte gehören zu jeder Untersuchung. Die Griffkraft wird immer öfter in einem Atemzug mit ihnen genannt. Das hat einen Grund. Die Messung dauert kaum eine Minute, kostet wenig und sagt erstaunlich viel darüber aus, wie belastbar ein Mensch insgesamt ist.

Gemessen wird mit einem Handdynamometer, einem Griff, den Sie so fest drücken, wie Sie können. Das Gerät zeigt die Kraft in Kilogramm an.

Was die Studien zeigen

In einer großen Beobachtungsstudie mit Erwachsenen aus 17 Ländern war eine geringere Griffkraft mit einer höheren Sterblichkeit verbunden, sowohl insgesamt als auch durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als Vorhersagewert für die Sterblichkeit schnitt die Griffkraft in dieser Studie sogar besser ab als der systolische Blutdruck.

Das klingt, als müsste man nur die Hand trainieren. So einfach ist es nicht. Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Eine kräftige Hand steht meist für kräftige Muskeln im ganzen Körper, für einen aktiven Alltag, eine ausreichende Ernährung und die Abwesenheit schwerer Erkrankungen. Die Griffkraft ist das Fenster, durch das wir auf diese Dinge blicken.

Griffkraft und Sarkopenie

Mit dem Alter nehmen Muskelmasse und Muskelkraft ab. Geht das über das übliche Maß hinaus, sprechen wir von Sarkopenie. Sie erhöht das Risiko für Stürze, Knochenbrüche und den Verlust der Selbständigkeit.

Die europäische Arbeitsgruppe für Sarkopenie empfiehlt seit 2019, mit der Muskelkraft zu beginnen. Eine Griffkraft unter 27 kg bei Männern und unter 16 kg bei Frauen gilt als Hinweis auf eine wahrscheinliche Sarkopenie. Bestätigt wird sie durch die Messung der Muskelmasse, zum Beispiel mit DXA. Wie ausgeprägt sie ist, zeigen Tests der körperlichen Leistungsfähigkeit wie die Gehgeschwindigkeit.

Diese Grenzwerte markieren eine deutliche Schwäche. Für die meisten Menschen ist der Vergleich mit Gleichaltrigen aufschlussreicher, denn er zeigt früh, ob sich etwas in die falsche Richtung bewegt.

So messen wir

Die Messung folgt einem festen Ablauf, damit die Werte vergleichbar bleiben:

  • Sie sitzen aufrecht, die Füße am Boden.
  • Der Oberarm liegt am Körper, der Ellbogen ist rechtwinklig gebeugt, das Handgelenk gerade.
  • Wir messen jede Hand dreimal im Wechsel und werten den besten Versuch.
  • Wir vergleichen das Ergebnis mit Referenzwerten für Ihr Alter und Geschlecht und mit Ihrer letzten Messung.

Die dominante Hand ist meist etwas stärker. Ein deutlicher Unterschied zwischen den Seiten ist ein Anlass, genauer hinzusehen.

Was den Wert verfälscht

Arthrose in den Fingergelenken, ein Karpaltunnelsyndrom, eine alte Verletzung am Handgelenk oder akute Schmerzen senken den Messwert, ohne dass die Muskulatur insgesamt schwach wäre. Deshalb deuten wir die Griffkraft nie allein, sondern zusammen mit Ihrer Vorgeschichte und den anderen Werten des Longevity-Checks. Aussagekräftiger als eine einzelne Zahl ist der Verlauf über die Jahre.

Was Sie tun können

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen Krafttraining für alle großen Muskelgruppen an mindestens zwei Tagen pro Woche. Älteren Menschen rät sie zusätzlich zu einem abwechslungsreichen Training mit Gleichgewichts- und Kraftübungen an mindestens drei Tagen pro Woche.

Für die Griffkraft sind Übungen besonders wirksam, bei denen die Hände Last halten: Rudern mit Hanteln, Kreuzheben, Tragen von Gewichten über eine Strecke. Ein Handtrainer allein kräftigt die Unterarme, verändert aber wenig an dem, wofür die Griffkraft steht. Genauso wichtig ist genug Eiweiß über den Tag verteilt. Wie viel für Sie passt, bespricht unsere Diätologin mit Ihnen.

Wann Sie ärztlich abklären lassen sollten

  • Die Kraft in einer Hand lässt plötzlich nach, vielleicht mit Taubheit, hängendem Mundwinkel oder Sprachstörung: Rufen Sie sofort 112. Das können Zeichen eines Schlaganfalls sein.
  • Die Griffkraft nimmt über Wochen spürbar ab, zusammen mit ungewolltem Gewichtsverlust oder Müdigkeit.
  • Kribbeln oder Taubheit in den Fingern, besonders nachts.

Quellen

  • Leong DP et al.: Prognostic value of grip strength: findings from the Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE) study. The Lancet, 2015.
  • Cruz-Jentoft AJ et al.: Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age and Ageing, 2019.
  • World Health Organization: WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. Genf, 2020.

Passend dazu

Dr. Chiara Bonetti ist Fachärztin für Kardiologie bei MOVARA. Ihr Schwerpunkt ist die Sportkardiologie: Check-up, Belastungs-EKG und Herzultraschall.

Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine Untersuchung. Im Notfall: 112.