5 Min. Lesezeit · Medizinisch geprüft am 22. Juli 2026 · Prof. Dr. Elena Plangger
Ein Zusammenprall, ein Sturz, danach wirkt das Kind benommen. Was Eltern, Trainerinnen und Trainer in den ersten zwei Tagen tun sollten und was nicht.

Das Wichtigste in Kürze
- Bei Verdacht sofort raus aus Training oder Spiel, und nicht am selben Tag zurück. Im Zweifel gilt: raus.
- In den ersten 24 bis 48 Stunden ist relative Ruhe richtig, nicht strenge Bettruhe. Leichte Aktivität wie Spazierengehen ist erlaubt, wenn die Beschwerden dabei höchstens leicht zunehmen.
- Die Schule kommt vor dem Wettkampf. Kontaktsport gibt es erst nach ärztlicher Freigabe.
Woran Sie eine Gehirnerschütterung erkennen
Eine Gehirnerschütterung entsteht durch einen Stoß gegen den Kopf oder einen Schlag auf den Körper, der den Kopf ruckartig bewegt. Bewusstlos werden die wenigsten. Viel häufiger sind unauffälligere Zeichen:
- Kopfschmerzen, Druck im Kopf, Schwindel, Übelkeit
- Verschwommenes Sehen, Licht- oder Lärmempfindlichkeit
- Unsicherer Stand, verlangsamte Bewegungen
- Das Kind wirkt „wie im Nebel“, ist verwirrt oder weiß nicht mehr, was vor dem Zusammenprall passiert ist
- Ungewohnte Gereiztheit, Traurigkeit oder Müdigkeit
Die Beschwerden können auch erst nach Stunden auftreten. Ein Kind, das direkt nach dem Stoß „alles gut“ sagt, ist damit nicht aus dem Schneider.
Sofort 112: diese Warnzeichen
Rufen Sie den Notruf, wenn eines dieser Zeichen auftritt
- Nackenschmerzen oder Druckschmerz am Nacken
- Doppelbilder
- Schwäche, Kribbeln oder Brennen in Armen oder Beinen
- Starke oder zunehmende Kopfschmerzen
- Krampfanfall
- Bewusstlosigkeit, auch kurz
- Zunehmende Verwirrtheit oder Schläfrigkeit
- Wiederholtes Erbrechen
- Zunehmende Unruhe oder Aggressivität
- Sichtbare Verletzung oder Verformung des Schädels
Bei Verdacht auf eine Verletzung der Halswirbelsäule bewegen Sie das Kind nicht, sofern Sie dafür nicht ausgebildet sind.
Die erste Stunde am Spielfeldrand
Nehmen Sie das Kind aus dem Spiel, auch wenn es protestiert. Lassen Sie es nicht allein und übergeben Sie es nur an Erwachsene, die Bescheid wissen. Eine Rückkehr am selben Tag ist ausgeschlossen, auch wenn sich das Kind nach zehn Minuten besser fühlt.
Jede vermutete Gehirnerschütterung sollte ärztlich untersucht werden, am selben oder am nächsten Tag. Für Trainerinnen, Trainer und Eltern gibt es ein kostenloses Hilfsmittel, das Concussion Recognition Tool 6. Es fasst Warnzeichen und Anzeichen auf einer Seite zusammen und passt in jede Trainertasche.
Die ersten 24 bis 48 Stunden
Früher hieß die Empfehlung: dunkles Zimmer, Bettruhe, bis alles vorbei ist. Das gilt heute als überholt. Richtig ist eine relative Ruhe:
- Leichte Alltagsaktivität und Spazierengehen sind erlaubt, solange die Beschwerden dabei nur leicht zunehmen. Als Faustregel gilt: höchstens zwei Punkte mehr auf einer Skala von 0 bis 10, und nach spätestens einer Stunde wieder abgeklungen.
- Bildschirmzeit in den ersten 48 Stunden deutlich einschränken.
- Schlafen ist erlaubt. Ob Sie das Kind nachts wecken sollen, entscheidet die Ärztin oder der Arzt nach der Untersuchung.
- Medikamente nur nach ärztlicher Rücksprache.
- Kein Alkohol. Jugendliche fahren weder Moped noch Rad im Straßenverkehr, bis sie ärztlich freigegeben sind.
Warum Kinder mehr Zeit brauchen
Kinder und Jugendliche erholen sich von einer Gehirnerschütterung häufig langsamer als Erwachsene. Ein zweiter Stoß, bevor die erste Verletzung abgeheilt ist, kann schwerere Folgen haben. Deshalb sind wir bei jungen Sportlerinnen und Sportlern bewusst vorsichtiger.
Schule vor Sport
Nach den ersten ein, zwei Tagen beginnt der schrittweise Weg zurück, und zwar zuerst in die Schule. Kürzere Schultage, Pausen bei Beschwerden und keine Prüfungen in den ersten Tagen helfen. Der volle Schulalltag sollte vor der Rückkehr in den Kontaktsport stehen.
Die Rückkehr in den Sport folgt sechs Stufen, jede dauert mindestens 24 Stunden:
- Alltagsaktivitäten, die die Beschwerden nicht verstärken
- Leichte bis mäßige Ausdauer, etwa Radfahren auf dem Ergometer oder zügiges Gehen
- Sportartspezifisches Einzeltraining ohne Kopfkontakt
- Mannschaftstraining ohne Kontakt, mit höherer Intensität
- Training mit vollem Kontakt, erst nach ärztlicher Freigabe
- Wettkampf
Die Stufen 4 bis 6 beginnen erst, wenn alle Beschwerden abgeklungen sind, auch unter Belastung. Kommen sie auf einer Stufe zurück, geht es eine Stufe zurück.
Wann Sie wiederkommen sollten
Wenn die Beschwerden nach vier Wochen nicht abgeklungen sind, braucht es eine erneute, spezialisierte Abklärung. Das gilt auch, wenn die Schule dauerhaft nicht klappt oder sich Stimmung und Schlaf deutlich verändern.
Quellen
- Patricios JS et al.: Consensus statement on concussion in sport: the 6th International Conference on Concussion in Sport – Amsterdam, October 2022. British Journal of Sports Medicine, 2023.
- Concussion Recognition Tool 6 (CRT6), veröffentlicht mit dem Amsterdamer Konsensus. British Journal of Sports Medicine, 2023.
Passend dazu
- Leistung: Verletzung & Return to Sport
- Movara Club: Webinar-Aufzeichnung „Gehirnerschütterung im Nachwuchssport – Informationsabend für Eltern und Trainer“
- Kontakt: Termin anfragen
Prof. Dr. Elena Plangger ist Fachärztin für Sportmedizin, Gründerin und ärztliche Leiterin von MOVARA. Sie war rund zehn Jahre Mannschaftsärztin im Skibergsteigen und im Nachwuchs-Langlauf.
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine Untersuchung. Im Notfall: 112.
